Zukunft der Lexikographie – Lexikographie der Zukunft

ZDL-Auftaktveranstaltung

Mit einem politisch hochrangig besetzten und wissenschaftlich herausragenden Vortragsprogramm beging das Zentrum für digitale Lexikographie (ZDL) am 29.1.2019 in Berlin seinen Projektstart. Rund 250 Gäste aus dem In- und Ausland kamen im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zusammen, um mit allen am ZDL Beteiligten den Auftakt des gemeinsamen Wörterbuchprojekts zu feiern.

Vier Akademien tragen unter dem Dach der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften zusammen das ZDL: die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW, Koordinatorin), die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (AdWG), die Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (AdWL-Mainz) sowie die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (SAW). Hinzu kommt das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) als Kooperationspartner. Das Zentrum für digitale Lexikographie wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Martin Grötschel Martin Grötschel, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, eröffnete den Festtag mit der Begrüßung der Gäste. Er gab einen Abriss der Geschichte der deutschen Lexikographie vom frühmittelalterlichen Abrogans bis zu den Wörterbüchern der Gegenwart. Das ZDL, so Grötschel, trete in große Fußstapfen, was ein besonderer Ansporn sei. Doch werde ein größeres Ziel anvisiert: In nicht zu ferner Zukunft soll das Wörterbuch mit an der Weltspitze der Lexikographie stehen.

Andreas Gardt Im Anschluss sprach Andreas Gardt, Präsident der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und Partner im ZDL, über die Bedeutung einer wissenschaftlich verlässlichen Lexikographie. Das Wörterbuch mache Veränderungen der Sprache in einzigartiger Weise sichtbar. Kein Werk, das der systematischen Erfassung von Sprache dient, erlaube einen solch unmittelbaren Zugriff auf das Wissen, Denken und Fühlen der Menschen wie ein Wörterbuch.

„Kein Werk, das der systematischen Erfassung von Sprache dient, erlaubt einen solch unmittelbaren Zugriff auf das Wissen, Denken und Fühlen der Menschen wie ein Wörterbuch.“

Andreas Gardt

Thomas Rachel Sprache verschiebt Sichtweisen, so Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung. Eine wissenschaftliche, analytische Beschäftigung mit ihr sei also eine gesellschaftliche Aufgabe höchsten Ranges. Das ZDL überführe die Wörterbuchforschung ins digitale Zeitalter und passe sie nicht nur dem Geist der Zeit an, sondern entwickle auch eine sichere Alternative zur generalisierten Suchmaschinenrecherche. Aus Sicht des Ministeriums sei die Gründung des ZDL ein wichtiger Schritt in die Zukunft: um der Verantwortung gerecht zu werden, ein zuverlässiges Recherchewerkzeug zur Verfügung zu stellen, und um den Anschluss an die internationale Lexikographie sicherzustellen.

„Die Digitalisierung und das Internet müssen nicht das Ende der wissenschaftlichen Lexikographie bedeuten. Sie bedeuten eine grundlegende Veränderung, und diese Veränderung sehe ich durchaus positiv.“

Thomas Rachel

Steffen Krach Steffen Krach, Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung in Berlin, begrüßte alle am ZDL beteiligten Akademien und drückte seine Überzeugung aus, dass ein Projekt von dieser Größe und Langfristigkeit nur durch die Beteiligung mehrerer Akteure möglich sei. Das ZDL nehme sich vor, den deutschen Wortschatz in seiner Geschichte und Gegenwart umfassend und verlässlich zu beschreiben und für jeden frei zugänglich zu machen. Das Ergebnis werde nicht nur für die Wissenschaft, sondern für alle Sprecherinnen und Sprecher des Deutschen im In- und Ausland von großer Bedeutung sein.

Wolfgang Klein Im Anschluss an die Begrüßungsworte sprach Wolfgang Klein, Linguist und Koordinator des ZDL, über Ziele und Methoden der Lexikographie, die auf eine lange Geschichte zurückblicke und die für das Deutsche so gut entwickelt sei wie für nur wenige andere Sprachen. Die klassische Bearbeitung in Form gedruckter Wörterbücher sei aber zum einen extrem zeitintensiv und teuer, sodass sie auf diese Weise nicht mehr durchführbar sei. Zum andern unterliege ein lexikographisches Vorhaben, das sich an ein Buchformat binde, verschiedenen Beschränkungen für die Beschreibung der vielen Eigenschaften eines Wortes. Die Ziele der Lexikographie können mithilfe digitaler Methoden weitaus schneller und umfassender verwirklicht werden. Ein digitales lexikalisches System wie das ZDL ließe sich schrittweise unter Beteiligung vieler Forscher und Nutzer aufbauen, es habe keine Umfangsbeschränkungen, es erlaube rasche Korrekturen, es könne stets aktuell gehalten werden, und es sei für jedermann auf der Welt über das Internet nutzbar.

„Um das Jahr 2000 hat sich gezeigt, dass es mit der klassischen Weise, Wörterbücher zu schreiben, so verdienstvoll, so bedeutend und so sorgfältig sie auch ist, nicht mehr weitergehen kann. Wir müssen die alten Ziele mit neuen, digitalen Methoden in Angriff nehmen.“

Wolfgang Klein

Alexander Geyken Alexander Geyken, Leiter der Arbeitsstelle in Berlin, eröffnete mit seinem Vortrag das wissenschaftliche Programm. Er führte die vielfältigen Recherchemöglichkeiten vor, die das bereits bestehende Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (dwds.de), auf dem das ZDL aufbauen wird, jetzt schon zur Verfügung stellt. Er zeigte anhand eindrucksvoller Beispiele die verschiedenen Informationsebenen, die Nutzern die vertiefte Beschäftigung mit dem deutschen Wortschatz ermöglichen.

Volker Harm Volker Harm, Leiter der Arbeitsstelle an der Akademie in Göttingen, erwartet vom ZDL einen wichtigen neuen Impuls für die Wortgeschichtsforschung. In seinem Rahmen werde das Göttinger Projekt „Wortgeschichte digital“ neue Wege gehen und eine „erzählte Wortgeschichte” schaffen, die zugleich wissenschaftlich fundiert und für Leser verständlich und interessant sei.

„Die Geschichte eines Wortes muss, wie jede Geschichte, erzählt werden.“

Volker Harm

Henning Lobin Um gegenwartsnahe Wortgeschichten ging es in Henning Lobins Vortrag zu Neologismen im Kontext von lexikographischer und lexikologischer Forschung am IDS, dem Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, dem er als Direktor vorsteht. Das IDS, Kooperationspartner des ZDL, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Beschreibung von Neologismen, die oft ganz plötzlich als Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen entstehen und ebenso schnell wieder verschwinden. Somit seien sie der Fingerabdruck einer Epoche und in dieser Form nicht nur für die Linguistik von besonderem wissenschaftlichen Interesse.

„Neologismen sind der Fingerabdruck einer Epoche.“

Henning Lobin

Der folgende Beitrag leitete den internationalen Teil des wissenschaftlichen Programms ein.

Alexandra Lenz Alexandra Lenz, Varietätenlinguistin an der Universität Wien, machte in ihrem Vortrag darauf aufmerksam, dass die Vielfalt der Variationen in einer Sprache einen sensiblen lexikographischen Umgang verdiene. Ein Wort, das in Deutschland als dialektal oder regional gelte, könne in Österreich oder der Schweiz Standard sein. Sie rege dazu an, das bei der Erarbeitung eines Wörterbuchs stets mitzudenken.

Lars Trap-Jensen Lars Trap-Jensen von Den Danske Ordbog stellte die zahlreichen analogen und digitalen skandinavischen Wörterbuchprojekte vor. Das verbindende Element der großen Nationalwörterbücher sei ihre fehlende Gewinnorientierung. Rentabel seien diese Wörterbücher nur selten gewesen und ihre Erarbeitung bedurfte immer einer großzügigen öffentlichen Förderung. Eine zuverlässige Wortschatzbeschreibung sei eine erstrangige kultur- und gesellschaftspolitische Aufgabe, für die der Staat Verantwortung trage.

Sarah Ogilvie Mit Sarah Ogilvie vom Oxford English Dictionary (OED) endete der wissenschaftliche Teil des Festprogramms. Nach einem aufschlussreichen Abriss von Geschichte und Gegenwart des OED machte sie auf die sprachgeschichtliche Nähe zwischen dem Deutschen und dem Englischen aufmerksam und drückte ihre Vorfreude auf eine mögliche Zusammenarbeit aus. Ihr Fazit lautete: „Collaborations make success!”, in der Zusammenarbeit entsteht Erfolg. In diesem Sinne rief sie die europäische Lexikographie auf, sich zukünftig immer stärker gegenseitig zu unterstützen.

Klaus-Dieter Lehmann Den feierlichen Abendvortrag hielt Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er sieht in der Nutzung digitaler Medien ein großes Potential für den Sprachunterricht. Gute digitale Plattformen helfen Lernenden und Lehrern, da sie den unkomplizierten Zugriff auf eine große Menge an Information ermöglichen. Dem Vorhaben des ZDL sieht Lehmann daher mit großer Spannung entgegen. All das, wofür es stehe, Verlässlichkeit, schnelle Korrigierbarkeit von Überholtem, Durchsuchbarkeit mehrerer Wörterbücher an einem Ort und ganz allgemein Nutzerfreundlichkeit, seien genau das, was der moderne Deutschunterricht brauche. Er wünsche deshalb dem ZDL den größtmöglichen Erfolg.

Mit einer Podiumsdiskussion zum Thema digitale Lexikographie und Deutsch als Sprache weltweit, an der sich viele Gäste im Saal lebhaft beteiligten, endete ein bemerkenswerter Tag, der den Start eines der größten digitalen Wörterbuchprojekte in Deutschland markiert.

Bildnachweise: BBAW/ZDL/Judith Affolter